Chronik unserer Pfarrkirche


Im Jahre 1986 feierte die Pfarrgemeinde St. Bonifatius ein Jubiläum besonderer Art: sie beging die 150-Jahrfeier der Konsekration ihrer Pfarrkirche. Gemessen an der über sechshundertjährigen Geschichte der Kivelinge und der fast zweitausendjährigen Geschichte des Christentums ein bescheidener Zeitraum. Dennoch ist es durchaus lohnend, über dieses Ereignis zu berichten. Die Geschichte unserer Stadt Lingen zeigt uns nämlich, dass es katholische Christen nicht erst seit 150 Jahren gibt, sondern bereits vor den Zeiten der Kivelinge, als diese noch tatkräftig unsere Heimat gegen äußere Feinde verteidigten. Blicken wir also zunächst zurück.


Vermutlich seit 750 bis 800 n. Chr., der Zeit Karls des Großen also, wurde das Emsland christianisiert. 1250 wird Lingen eine Pfarre; als Kirche diente eine Muttergotteskapelle an der Stelle, wo sich heute der Alte Friedhof befindet. Diese lag zu jener Zeit außerhalb der Stadtmauern. Gleichzeitig stand wahrscheinlich auf dem Marktplatz in der Nähe der Burg, von dem heute - durch die Kivelinge wieder aufgebaut - nur der Pulverturm existiert, eine große und schöne Kirche. Außer dem Pfarrer wirkten an ihr mehrere Kapläne, die - den damaligen Gepflogenheiten entsprechend - von den jeweiligen weltlichen Herrschern ernannt wurden.


Politische Wirrnisse des 16. Jahrhunderts und der Folgezeiten gingen auch an Lingen nicht spurlos vorüber. Die weltlichen Herrscher wechselten in kurzer Reihenfolge. Dabei machten sich ebenfalls die Auswirkungen der Reformation bemerkbar, als deren Folge Herrscherhäuser für ihre Untertanen den jeweiligen Glauben bestimmten. Kirchliche Güter und Besitztümer wurden in solchen Fällen enteignet, katholische, lutherische oder reformierte Geistliche je nach der Glaubensrichtung des im Augenblick bestimmenden Herrschers vertrieben, neue Priester eingesetzt und ihnen die vorher beschlagnahmten Güter und Kirchen zur Verwaltung übergeben.


Ende 1717, unter der Herrschaft des Königreiches Preußen, wurde den Katholiken der Stadt Lingen auf mehrmaliges Bitten hin die freie Religionsausübung erlaubt. Zunächst fand der Gottesdienst in Ermangelung einer Kirche in Privathäusern statt. Dann entstand an der Stelle, wo heute Kolpinghaus und Pfarrzentrum St. Bonifatius stehen, eine Kirche, die vom Äußeren her allerdings mehr Ähnlichkeit mit einer Scheune aufwies. Schon bald bemühten sich die Katholiken Lingens um eine neue, würdige Kirche. Erst 1827 nahmen die Planungen konkrete Formen an. Größtes Problem dabei war die Finanzierung dieses Bauvorhabens, das nach verschiedenen Schätzungen etwa 30.000 Taler kosten würde.


7 Jahre später, am 28. April 1834, war die feierliche Grundsteinlegung. Nach nur 2jähriger Bauzeit, am 5. Juli 1836, weihte Weihbischof Anton Lübke aus Osnabrück die Bonifatiuskirche. Von diesem Tage an konnte die Gemeinde ihren Gottesdienst zum Lobe und zur Ehre Gottes in einem würdigen Gotteshause begehen. Damit war endlich erreicht, dass nach den Wirren der Reformation und den häufig wechselnden Herrschaftsverhältnissen in der Stadt Lingen, auch die katholischen Christen wieder eine eigene Kirche besaßen. Die Schwierigkeiten, die bis dahin zu überwinden waren und die gewaltigen finanziellen Opfer, die dafür erbracht wurden, kann man aus heutiger Sicht wohl kaum ermessen. Wer besonderes Interesse an diesem Teil der Geschichte der Kirche St. Bonifatius hat, den möchte ich an dieser Stelle auf den Aufsatz von Walter Tenfelde hinweisen: "Sie bauten dem Herrn ein Haus", veröffentlicht in "St. Bonifatius Lingen (Ems), zur Geschichte der katholischen Kirchengemeinde", Lingen 1986.


Was macht nun die Gemeinde St. Bonifatius aus? Rein äußerlich in erster Linie das Kirchengebäude, das wie früher der immer noch weithin sichtbare Mittelpunkt der Gemeinde ist. Dazu trägt der 64 m hohe Turm bei, der im romanischen Stil im Jahre 1904 erbaut wurde und 5 Glocken beherbergt, die weithin über die Stadt schallen, um die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen. Das allein allerdings kann es nicht sein, das Wesen einer Gemeinde. Was dann? Entscheidend sind die Menschen, die an ihrer Gemeinde Anteil haben und durch ihr Mittun, ihr Mitfeiern und Mitmachen die Kirche Gottes lebendig werden lassen.


Text: Reiner Stroink